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21.07.2011

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Ludwig-Maximilans-Universität München

Famulaturen - Florian Castrop - Indien

Famulaturbericht Gynäkologie / Geburtshilfe

in Ullal (Mangalore) / Indien im Oktober 2000

Nachdem ich ein Jahr zuvor einen Monat in Islamabad / Pakistan am Shifa International Hospital famuliert hatte (s. damaliger Famulaturbericht), war ich von der dortigen Kultur und Lebensweise in überaus ambivalenter Weise fasziniert. Auf der einen Seite standen Gastfreundschaft, Kulturschätze (obwohl nicht gerade in Islamabad!) und pulsierendes Leben, auf der anderen religiöser Fanatismus mit Frauenunterdrückung und ökologischer und sozialer Totalkollaps ohne wirksame Bemühungen nach Veränderung.

Als Freunde von mir nun einen Famulaturlaub (50% Urlaub, 50% Famulatur – die übrigens optimale Mischung) in Indien planten, schloss ich mich kurzentschlossen an und warf meine Fiji-Insel-Pläne über Bord: Eine gute Gelegenheit die indische Kultur von der – in meinen Augen menschenfreundlicheren – hinduistischen Seite zu sehen. (Natürlich spielte der Palmenstrand in Goa keine Rolle!)

Wir flogen nach Delhi, um von dort mit Rucksack und Eisenbahn in einem weiten Bogen über Agra (Taj Mahal) und Varanasi (fälschlich Benares, die heilige Stadt der Hindus) durch eine atemberaubende Landschaft nach Bombay und von dort nach Goa zu fahren. Wer Indien besucht sollte unbedingt große Strecken per Zug zurücklegen! Die indische Eisenbahn ist einer der größten Arbeitgeber weltweit, erstaunlich zuverlässig und für uns natürlich spottbillig. In der einfachen Schlafwagenklasse liegt man eng gepfercht in hoffnungslos verdreckten Zügen, die röhrenden Ventilatoren sitzen drohend wie riesige Insekten dicht an dicht an der Decke und aus den Latrinen steigt je nach Verdauung der Mitfahrer unerträgliche Menschlichkeit. Aus klimatisierten Bussen, mit denen man als dekadenter Europäer auch reisen könnte, erfühlt man das Land nicht. Nach einer unruhigen Nacht mit Schlaf in den Augen und indischem Tee in der Hand in einer offenen Zugtür zu stehen und die Morgensonne aufgehen zu sehen, ist unvergesslich!

Aber dies soll kein Reisebericht werden, daher alles weitere kurzgefasst: Wer für eine Famulatur nach Indien kommt, sollte sich eine Rundreise nicht entgehen lassen. Die Sehenswürdigkeiten sind phantastisch, die Menschen sehr aufgeschlossen und interessiert (wenngleich viele vor allem daran, etwas zu verkaufen oder die reichen Touristen “etwas” übers Ohr zu hauen – wer könnte bei der Armut das verübeln?) und das Elend allgegenwärtig und schockierend.

Zur Famulatur: Wir waren durch indirekte Kontakte auf ein kleines Wohltätigkeitskrankenhaus, das Seyyid Madami Charitable Hospital in Ullal (bei Mangalore – ca. 200km Luftlinie westlich vom IT-Zentrum Bangalore und 200km Luftlinie südlich vom Ex-Hippie-Palmenparadies Goa).

Nachdem es mir als westlicher und männlicher Student in Pakistan unmöglich gewesen war, auf der Gynäkologie zu famulieren, war dies mein zweiter Anlauf. Als Ironie des Schicksals erfuhren wir erst vor Ort, dass eine islamische Gemeinde intensiv das Krankenhaus mitträgt und entsprechend ca. 70% der Patienten stellt. Trotz augenschlitzfrei verhüllten Frauen und sie grimmig bewachenden Brüdern, Vätern oder Gatten erlebte ich den Islam in Indien anders als in Pakistan. Zu meiner Erleichterung sah die Gynäkologin – eine Christin – in meiner Anwesenheit kein Problem, und die Patientinnen akzeptierten mich als “notwendigen Assistenten” größtenteils auch. So konnte ich bei etlichen Geburten mit hinlangen (die zu unserem Befremden prinzipiell medikamentös eingeleitet werden) und bei Kaiserschnitten assistieren.

Gleichzeitig offenbart sich dem Fremden in der Geburtshilfe das bekannte Grundproblem von Dritte-Welt-Ländern: Die Bevölkerung explodiert und die ökologischen und sozialen Ressourcen kollabieren. Gerade islamischen Frauen, bzw. ihren Familien war es nur selten zu vermitteln, dass fünf Geburten innerhalb von kaum mehr als fünf Jahren bei einer Zwanzigjährigen, deren Beckenboden schon aus allen Fugen kippt, genug sein müssen. Nicht einmal eine vielfache junge Mutter, die beinahe im Kreissaal verblutet wäre, konnte zu einer für sie vielleicht einmal lebensrettenden Sterilisation überredet werden. Aber was ist das Leben einer unfruchtbaren jungen Frau schon wert? Dennoch findet merkbares, wenn auch viel zu langsames Umdenken statt.

Obwohl ich in den Wochen in Ullal viel gelernt und viel gesehen habe, würde ich anderen Famulanten von dem Krankenhaus abraten, weil es während unserer Zeit dort viel Leerlauf gab und die Zukunft des Hauses mir ungewiss erschien. Besser wäre eine Famulatur an der Uniklinik von Mangalore wenige Kilometer von Ullal und dem Meer entfernt. Hier könnte ich für Interessierte vermutlich Kontakt zu einem Chirurgen aufbauen, der aushilfsweise an meine Klinik gekommen war.

Grundsätzlich jedoch sei jedem Interessierten ein Aufenthalt in Indien sehr empfohlen! Als bloßer Tourist wird man nie so nah an die Menschen herankommen, wie als Famulant, der immerhin eine winzige Rolle im sozialen System zugesprochen bekommt.

Infos per email unter FORIAN@CASTROP.COM

 

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