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Famulatur am General Hospital Bantry / Irland
01. - 31. 10. 98 Chirurgie
Wie kommt man als deutscher Student darauf, gerade in Bantry, einem 3000-Einwohner-Städtchen im Südwesten Irlands (County of Cork) eine Famulatur zu machen? Zum einen war es das einzige Krankenhaus, das uns (einem Freund von mir und mir) eine Zusage gegeben hatte, nachdem wir uns erst Mitte Juni bei ca. 15 Krankenhäusern in Irland und dem UK beworben hatten (Adressen s.u.), andererseits hatten wir uns von vornherein wegen entsprechender Erfahrung nur um ein kleines Krankenhaus bemüht.
Bantry ist ein malerisches Örtchen, das direkt am Meer gelegen der dortigen Bay ihren Namen verliehen hat. (Kann man von leckeren Tiefkühlmuscheln her kennen, die in der Bantry Bay an Schnüren gezüchtet, in einer Muschelfabrik verpackt, tiefgekühlt und in alle Welt verkauft werden.) War man davor noch nie in Irland, ist man zunächst überrascht, wie arm die meisten Dörfer sind und wie kleinstädtisch zum Beispiel Cork, die zweitgrößte Stadt Irlands ist. Bantry fällt da - vermutlich liegt es an den Muscheln und einer Erdölsammelstelle auf einer vorgelagerten Insel - etwas aus dem Rahmen mit seinem frisch renovierten Zentrum (im Gedenken an die traurige “Französische Armada”), den bunt gestrichenen Häusern, zahlreichen Geschäften, natürlich Pubs im Überfluß und - nicht ganz unerheblich für zwischenmenschliche Kontakte, wenn das Telefonieren sehr teuer ist - einer öffentlichen Bibliothek mit kostenlosem Zugang zum Internet. Bedeutsamer für einen längeren Aufenthalt ist jedoch das sagenhaft schöne Umland, das zu Wochenend- und Nachmittagsausflügen per Fahrrad (gute Verleihmöglichkeit), Bus oder Trampen (geht gut!) einlädt. Hier sei als Reiseführer der “Velbinger” sehr empfohlen, da er wirklich brauchbare Insidertips bietet; übrigens benötigt man zum Rumfahren keinen Schlafsack etc., da die dortigen “Independent hostels” günstig und sehr gut mit Bettwäsche und Komplett-Küchen ausgestattet sind. Die Unterkunft (Adressen s.u.) in Bantry stellte für uns kein Problem (höchstens ein finanzielles) dar, da wir vom Krankenhaus direkt ein B&B vermittelt bekamen; das ist zwar im Vergleich zur Jugendherberge (gibt es in Bantry) eine teure Alternative, andererseits bekommt man Familienanschluß und wird so in die Gesellschaft integriert.
Das General Hospital hat insgesamt ca. 115 Betten, verteilt auf eine chirurgische, eine internistische und eine allgemeine Intensivstation mit maximal sechs Plätzen. Außerdem gibt es noch eine geriatrische und eine psychiatrische Abteilung, die jedoch unabhängig vom General Hospital sind. Das Krankenhaus ist der Beweis dafür, wie gut eine multikulturelle Gesellschaft zumindest im Kleinen funktionieren kann: Ca. 80% der Ärzte kommen verstreut aus aller Welt - z.B. gab es auf der Chirurgie nur zwei Iren (der consultant (Chefarzt) und ein intern (ca. AIP)), alle anderen einschließlich registrar (Oberarzt) waren v.a. Inder und Pakistani. Dabei schien es keinerlei nationalistische oder religiöse Ressentiments zu geben; allgemein unterhielt man sich nur auf Englisch, und so bildeten sich keine Nationalitätengrüppchen. Abends ging man zusammen ins Pub (auch die Moslems!).
Meine Zeit auf der Chirurgie begann gleich mit einem Paukenschlag, da ein deutscher PJ mir seine Erfahrungen schilderte: Am ersten Tag hatte er auf die Frage hin, ob er im OP assistieren dürfe (eigentlich sollte das eine rhetorische sein!), vom registrar gesagt bekommen, er dürfe prinzipiell als Student einen Patienten nicht einmal anfassen und selbst Blutabnahmen etc. seien für einen Studenten “zu invasive” Maßnahmen. Bei diesem ersten Eindruck sah ich mich schon mich um einen baldigen Rückflug bemühen. Allerdings kam es dann doch nicht so schlimm, da der besagte PJ mittlerweile durchgesetzt hatte, daß wir immerhin Blut abnehmen (auch arteriell), Nadeln und vielleicht einmal einen Blasenkatheter legen und bei Mini-OP’s (Naevus-Entfernung etc.) assistieren konnten.
Mein Tagesablauf sah dann so aus: Um neun Visite, Blutabnahmen und Nadeln legen und Assistenz bei Aufnahmen, dann Teetrinken. Danach dreimal in der Woche OP und zweimal sog. outpatient clinic (d.h. Poliklinik-Ambulanz), was oft sehr interessant war. Mittags schließlich Chefvisite, Teetrinken, Aktenrecherche, Billard spielen (die Chirurgen nur selten, die Internisten oft und die Psychiater fast dauernd), Aufnahmen etc.
In Deutschland hätte ich mich damit nicht zufriedengegeben und das Krankenhaus gewechselt; da ich jedoch nicht nur nach Irland gekommen war, um eine Famulatur zu machen, freundete ich mich recht bald mit den Bedingungen im Krankenhaus an. Außerdem gab es dennoch viel zu lernen und interessante Erfahrungen zu sammeln: Da das General Hospital einen ziemlich großen Einzugsraum hat, sieht man, obwohl schwierige Fälle in der Regel nach Cork überwiesen werden, ein weites Spektrum an interessanten und auch sehr schweren Krankheiten. Außerdem waren die meisten der Ärzte bereit, ausgiebige Erklärungen zu geben; oft ist ein SHO (senior house officer, Assistenzarzt), der selbst gerade auf eine Prüfung lernte aber schon ein riesiges “Checklistenwissen” hatte, auf uns zugegangen, um mit uns aktuelle Fälle von der Diagnostik bis zur Therapie durchzusprechen. Dieses problemorientierte bedside teaching hat mir viel gebracht, sowohl vom Medizinischen als auch vom Englischen her. Überhaupt nutzte ich die viele Zeit, die ich im Krankenhaus hatte - stressig war es wirklich nicht! -, um oft mit Patienten zu reden, die wie leider fast überall auch in Bantry mit ihrem Leid alleingelassen werden, auch nur übungshalber Anamnesen zu erheben und dann mit der Akte zu vergleichen und so mehr Routine im Englischen zu bekommen. Wer also wie ich in der Schule nur recht wenig Englisch hatte (ich nur von der 7. bis 11. Klasse), dem sei zum Einstieg ein Medizinenglischbuch empfohlen (mein Favorit: Peter Gross: Medical English, Thieme-Verlag), ansonsten hört man sich sehr schnell rein und kann innerhalb eines Monats viel Selbstvertrauen gewinnen.
Lohnend war für mich dieser einmonatige Aufenthalt auch deswegen, weil ich mittlerweile den Apparateluxus unserer Unikliniken in einem anderen Licht sehe: Ich war überrascht zu erleben, mit welch einfachen Mitteln in diesem Krankenhaus gearbeitet wird, ohne daß deswegen die Therapie immer (z.T. vielleicht schon) schlechter wäre. Am aktuellen Know-how fehlt es dabei nicht (abgesehen davon, daß der Chef der Inneren Dr. Mc Coy (Star-Trek-Fans!!) nicht richtig schallen kann), vielmehr wird sehr konservative Medizin betrieben: Zum Beispiel gibt es keine Laparoskopischen OPs, Prostatektomien werden nur mit Pfannenstielschnitt, nie transurethral durchgeführt und wenn im OP die Luft schlecht ist, wird nicht die Lüftung eingeschaltet (die ist nämlich kaputt), sondern das Fenster aufgemacht. Ein Aufenthalt in Bantry lohnt schon allein dafür, die OP-Schwester mit Insektenspray der Wespe hinterherrennen zu sehen, während der Chef am offenen Bauch wild mit den Armen fuchtelt.
Wer also eine Famulatur möchte in einem sehr familiären Krankenhaus, in dem jeder jeden kennt und grüßt, wo man viel lernen kann und dennoch viel Freizeit in einer der schönsten Gegenden Irlands hat und auch noch nebenbei sein Englisch auf Vordermann bringen kann, dem sei Bantry sehr empfohlen.
Übrigens: Stout (Guinness und Co.) schmeckt in Irland viel besser als in Deutschland!
Florian Castrop
Für Fragen oder Tips stehe ich natürlich jederzeit gerne zur Verfügung:
Florian Castrop
Adalbertstr. 36
80799 München
Tel. 089 - 34 02 07 61
e-mail: florian.castrop@stud.tu-muenchen.de
Adressen:
General Hospital Bantry
Surgical Department: Mr Mulcahy
Medical Department : Dr McCoy
Bantry Co. Cork
Ireland
B&B:
Mrs. Brenda Harrington (arbeitet selbst in der Verwaltung des Krankenhauses)
“Leyton” Bed & Breakfast
23. Slip Lawn
Bantry
Co. Cork
Kostenpunkt: £50.- (ca. DM 130.-) / Woche; sehr familiäre Atmosphäre in einer reizenden Familie. Wir sind quasi von unserer Landlady adoptiert worden - sie hat uns die Wäsche gewaschen und uns fast jeden Morgen ins Krankenhaus gefahren, obwohl es zu Fuß nur 15 min gewesen wären, wir konnten ihre Küche benutzen (Frühstück natürlich definitionsgemäß inklusive), sie haben uns zu Football-matches mitgenommen usw.
Andere Adressen: Wie gesagt haben wir uns bei ca. 15 Krankenhäusern beworben; Adressen und Faxnummern gibt es bei mir.
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